Mathematik in der jüngeren Kunst – Kataloge zu zwei “mathematikhaltigen” Ausstellungen im Museum Wiesbaden

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Das Thema Mathematik und Kunst ist in der Mathothek durch ausgesprochen viele und verschiedenartige Exponate vertreten. Da sich interessante Ausstellungen in Museen, Kunstgalerien, dem Mathematikum in Gießen usw. “nicht selbst in der Mathothek zum Anfassen präsentieren lassen”, so sind einige doch durch entsprechende Kataloge, die zu diesen Ausstellungen hergegeben wurden, “durch Bild und Wort zugänglich”. Sie werden in mehreren Artikeln vorgestellt. In den folgenden Darstellungen geht es um die Annäherung der modernen Kunst an die Mathematik auf ihrem Weg zur abstrakt-geometrischen Kunst.

Piet Mondrian Natur und Konstruktion

Ausstellung im Museum Wiesbaden vom 26. Oktober 2018 bis 17. Februar 2019

Aus dem Vorwort von Alexander Klar, dem Direktor des Museums Wiesbaden:

“Mit Piet Mondrian [1872-1944], der mit Kasimir Malewitsch [1878-1935] und Wassily Kandinsky [1866-1944] zu den Begründern und zugleich wichtigsten Vertretern der abstrakt-geometrischen Kunst gehört, stellt das Museum Wiesbaden in Kooperation mit dem Gemeindemuseum Den Haag eine Künstlerpersönlichkeit vor, die während des radikalen Umbruchs an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert eine entscheidende Rolle gespielt hat. Spätestens mit der Gründung der Gruppe “De Stijl” 1917 in Leiden gehört der holländische Maler mit seinen geometrischen, zumeist in Primärfarben sowie in Schwarz und Weiß ausgeführten Werken zu den progressivsten Künstlern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mondrian hat mit seinen ebenso konstruierten wie malerischen ‘Gitterbildern’ Ikonen der Moderne geschaffen, die bis in die heutigen Tage ihre Wirkung entfalten und uns selbst in vielen anderen Bereichen jenseits der bildenden Kunst – etwa Mode, [Innen-]Architektur, Werbung – nicht selten als essenzielle Grundlage verwendet wiederbegegnen.”

“Vom Naturalismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts kommend,  geriet er um 1908 durch die Begegnung mit der Kunst Vincent van Goghs [1853-1890] und im weitesten Sinne der malerischen Wucht der sogenannten “Fauves” zu der Überzeugung, dass Malerei nicht die sichtbare Oberfläche abzubilden habe, sondern eine subjektiv wahrgenommene Innenwelt ausdrücken müsse.”

“Schließlich geht er selbst noch ein Schritt weiter und überführt in der Überzeugung, dass letzten Endes nur die reine Objektivität von Bedeutung sei, diese Erkenntnis in die heute weltberühmten wie ikonischen “neoplastischen” Gemälde, die als Essenz seines Schaffens das Gerüst alles Naturgegebenen, ohne selbst freilich unmittelbar auf die Natur zurückzuverweisen, zur Anschauung zu bringen.”

Die folgenden Fotos wesentlicher Arbeiten Mondrians aus dem Katalog, sollen den Weg erhellen, den Mondrian zur mathematisch-geometrischen und zur abstrakten Kunst ging.

Da ist zunächst das Bild Oostsijder Mühle am Abend (1907/1908). Die Mühle scheint stillzustehen, die Flügel deuten auf keinerlei Dynamik hin. Die abendliche Landschaft vermittelt in ihrer “streifenartigen” Farbigkeit die Ruhe und die Friedlichkeit des Abends. Mondrian reduziert hier die Landschaft und die Mühle auf Stillstand,  die Horizontale, Ruhe und Harmonie einerseits, andererseits ist das “Kreuz” der Windmühlenflügel auch eine Überhöhung: die christliche Idee der Erlösung, der Verbindung von Himmel und Erde und die Natur als Schöpfung Gottes.

Das Foto oben ist ein Foto der Ölstudie Weiden in der Sonne (1905). Das Foto unten zeigt einen auf zwei Seiten vergrößerten Ausschnitt, auf dem das Weglassen von Details, wie z.B. einzelner Blätter, gut erkennbar wird. Die Vorherrschaft der grünen Farben vermittelt den Eindruck von Erneuerung, Wachstum und der Kraft der Natur. Auch hier finden wir die Betonung der Horizontalen. Aber die Bäume bringen auch die Vertikale wieder ins Spiel. Sie werden zunehmend zum Inbegriff der Natur überhaupt.

In diesem Bild sehen wir keine konkreten natürlichen oder künstlichen Gegenstände mehr. Deswegen hat Piet Mondrian diesen Bildern auch keine beschreibende Titel mehr gegeben. Dieses Bild bezeichnet er mit Komposition im Oval mit Farbfeldern 1914).

Als Grund für diesen Weg zur geometrisch-abstrakten Kunst erklärt Mondrian, dass er auf einer Fläche Linien und Farbkombinationen konstruiere, um die allgemeine Schönheit möglichst bewusst darzustellen. Er betont, dass ihn die Natur inspiriert und anrührt, er wolle dann bei seiner Kunst der Wahrheit möglichst nahekommen, deshalb abstrahieren, bis er zu dem Fundament der Dinge gelange. “Die Natur” ist für ihn deshalb nicht wahr, weil sie bei verschiedenen Menschen verschiedene Gefühle hervorrufen kann. Die geometrisch-abstrakte Kunst soll so unabhängig von der Subjektivität des einzelnen Betrachters werden.

Das letzte hier gezeigte Bild ist bekannt und berühmt: Rasterkomposition 8, Schachbrett mit dunklen Farben (1919).

Zitat Piet Mondrians von 1914:

“Ich konstruiere auf einer Fläche Linien und Farbkombinationen mit dem Ziel, die allgemeine Schönheit möglichst bewusst darzustellen. Die Natur [beziehungsweise das, was ich sehe] inspiriert mich; ich möchte jedoch der Wahrheit möglichst nahe kommen und deshalb alles abstrahieren, bis ich zum Fundament [einem immer noch äußerlichen Fundament!] der Dinge gelange.”

Der Katalog zeigt auch Arbeiten anderer Künstler und Künstlerinnen, die den Weg für die geometrisch-abstrakte Kunst bereiteten und freimachten. Hier ein Beispiel von dem Maler Kasimir Malewitsch von 1923 Schwarzer Kreis. 

“nichts – und alles” – Der De Stijl-Künstler Friedrich Vordemberge-Gildwart

Ausstellung im Museum Wiesbaden vom 24. November 2012 bis zum 26. Mai 2013

Aus dem Vorwort von Alexander Klar (Direktor Museum Wiesbaden) und Inge Jaehner (Direktorin Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück):

“Am 19. Dezember 2012 Jährt sich der Todestag von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899-1962) zum fünfzigsten Mal. Aus diesem Anlass präsentiert das Museum Wiesbaden und das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück eine Ausstellung unter dem Titel “nichts – und alles” – ein Zitat aus dem Gästebuch des Künstlers, das sich übertragen lässt auf sein Werk, dessen klarer Ausdruck verborgener Komplexität bis heute junge Künstler inspiriert.

Friedrich Vordemberge-Gildewart gehörte der ersten Stunde des deutschen Konstruktivismus’ sowie mehreren avantgardistischen Künstlerkreisen an. Unter anderem wurde er bekannt, indem er sich 1925 der holländischen Künstlergruppe De Stijl um Piet Mondrian und Theo van Doesburg anschloss. Internationale Ausstellungen, sein Wirken als Leiter der Abteilung Visuelle Kommunikation an der von Max Bill mitbegründeten Hochschule für Gestaltung in Ulm ab 1954, seine Biennalen in Venedig (1952) und São Paulo (1953) oder an der documenta in Kassel in den Jahren 1955 und 1959, vor allem jedoch die hervorragende Qualität und Vielseitigkeit seines Werkes begründen die Präsenz seiner Werke in renommierten internationalen Museen.”  

Roman Zieglgänsberger, der Kurator der Wiesbadener Ausstellung, schreibt in seinem Text “nichts – und alles” – Friedrich Vordemberge-Gildewart und die Kunst der reinen Komposition:

“Jede dieser eigenständigen Arbeiten wurde durch freie Werkskizzen , zahlreiche Varianten oder spielerisch wirkende Proportionsstudien vorbereitet. Waren diese vorausgehenden Studien, die er beispielsweise in seinen Werkstattbüchern festhielt, immer freihändig gezeichnet worden – was sie äußerst lebendig wirken ließ und von einem formsuchenden, kreativen Charakter zeugte -, ist ab etwa 1957 eine Änderung der Vorgehensweise in der Bilderarbeitung zu bemerken. Präzision und ein hohes Maß an Deutlichkeit, bislang nur von dem schließlich ausgearbeiteten Werk gefordert, finden sich nun auch in den teilweise mit Zirkel, Lineal und durch genau errechnete Proportionsverhältnisse erzeugten Bildplänen wieder. Gleich, ob freihändig oder mit Hilfsmitteln exakt gearbeitet, bezeugen schon allein diese aufwendigen Vorstudien, dass keine der 223 Kompositionen zufällig entstanden ist. Das Geheimnisvolle bei aller Genauigkeit ist jedoch, dass gerade durch sie die Lebendigkeit der einzelnen Konstruktionen erhalten und immer der kreative Prozess des Moments im vollendeten Bildwerk spürbar bleibt.”

Die folgenden ausgewählten Katalogbilder sollen zeigen, wie stark der Künstler Vordemberge Gildewart auf die Mathematik und besonders die Geometrie in seinen Arbeiten zurückgreift:

1957, Plakatentwurf

1941, Öl auf Leinwand

1935, Lithographie

1956, Collage als Entwurf für einen Buchumschlag

1952, Öl auf Leinwand

1923/24, Entwürfe für ein Landhaus bei Hannover1957

Über die Künstlerin Ingrid Hornef gibt es eine gesonderte Darstellung im Katalog und Objekte zu ihrer mathematisch interessanten Konkreten Kunst in der Mathothek:

Es gibt in der Mathothek sehr viele Möglichkeiten, sich mit Zusammenhängen von Mathematik und Kunst auseinanderzusetzen. Besonders die Begriffe Proportionen, Symmetrien und Harmonien sind hier die verbindenden Themen. Sehr ausgiebig treten in diesem Kontext das Wesen der Zahlen der Fibonacci-Folge und dem mit ihr verbundenen Goldenen Schnitt als eine besondere Schnittmenge auf.

Noch schwerpunktmäßiger über Mathematik und Kunst informieren die in der Mathothek zur Verfügung stehenden Kataloge zu Kunstausstellungen im Mathematikum in Gießen:

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